Wer wir sind

Die Gruppe Kritik und Subversion Hannover ist ein gesellschaftskritischer Zusammenschluss, der angetreten ist, das systemimmanente und alltäglich reproduzierte Leid der kapitalistischen Gesellschaft, sowie die aus ihr hervorgehenden ideologischen Verarbeitungsformen zu analysieren, kritisieren und anzugreifen. 

Noch immer sind die Produzent_innen des gesellschaftlichen Reichtums in der kapitalistischen Ordnung von der Verfügung über die Produktionsmittel getrennt, sodass nur Wenige – zu Lasten der Arbeitenden – am gesellschaftlich hervorgebrachten Reichtum partizipieren können. Statt sich dieser Trennung bewusst zu sein, verinnerlichen die vereinzelten Einzelnen die kapitalistischen Verwertungsformen und beziehen sich nur noch als Repräsentant_innen ihrer Arbeitsprodukte oder Dienstleistungen aufeinander, anstatt sich ihrer Stellung als Arbeiter_innen im Produktionsprozess bewusst zu sein. Diese von Menschen gemachten Verhältnisse treten ihnen dabei als quasi-natürlicher Zustand gegenüber, deren vermittelte Herrschaft sie durch ein fetischisiertes Bewusstsein gedanklich nicht zu durchdringen vermögen und stets aufs Neue reproduzieren. Maßgeblicher Faktor sind nicht nur die Arbeiter_innen selbst, sondern auch der bürgerlich-kapitalistische Nationalstaat, welcher mit seinem Gewaltmonopol den kapitalistischen Normalvollzug am Laufen hält. Doch dieser betätigt sich nicht nur repressiv, sondern auch in Form von Ideologieproduktion, welche ihn und die kapitalistische Vergesellschaftung alternativlos erscheinen lässt. Innere Widersprüche des kapitalistischen Systems erscheinen als eine Frage der richtigen Politik – doch jene betreibt nur Symptombekämpfung. Denn fernab regelmäßiger ökonomischer Krisen ist und bleibt der Kapitalismus, auch im individuellen  Leben der Menschen, selbst die Krise.

Sowohl die Produktions-, als auch die an Frauen* abgetretene unbezahlte Reproduktionssphäre – und in Teilen der prekarisierte Care-Sektor – sind von Bedingungen geprägt, die ihnen durch die geschlechtliche Arbeitsorganisation, sowie durch die kapitalistischen Produktionsverhältnisse auferlegt werden. Dies hängt zusammen mit den der Weiblichkeit zugeschriebenen Eigenschaften wie Zuwendung und Emotionalität. Dem stetig reproduzierten Geschlechterverhältnis gilt es neben einer materialistischen, auch mit einer psychoanalytisch fundierten feministischen Gesellschaftskritik gegenüber zu treten, in der sowohl die ökonomischen Verhältnisse, als auch die bürgerliche Subjektkonstitution miteinbezogen werden. Unsere Kritik gilt patriarchalen, binären Herrschaftsverhältnissen, die in hegemonial-männlichen Gesellschaften fortleben und beständig frauen- und LGBTIQ-feindliche Zustände verursachen. Ein analytischer Zugang, der die materiellen Verhältnisse und die Konstitution der Subjekte zur Grundlage hat, gilt nicht nur für unseren Blick auf das Geschlechterverhältnis, sondern ebenso für reaktionäre Verarbeitungsformen wie Antisemitismus, Rassismus und anderer Formen gesellschaftlich induzierter Feindbilder und Ungleichheiten. 

Denn die gesellschaftliche Entwicklung ist eben keine Einbahnstraße Richtung Emanzipation: Faschistische, nationalistische und islamistische Kräfte bedrohen die bisherigen Errungenschaften der bürgerlichen Gesellschaft und streben nach einer negativen, reaktionären Aufhebung dieser. In ihnen verschmelzen antimoderne Ideologie, patriarchale Vorstellungen, rassistische Stereotype, Antiziganismus und der Antisemitismus zu einer explosiven Mischung. 

In der Alltagsreligion des Antisemitismus werden Jüdinnen_Juden in einer auf die Zirkulationssphäre verengten Kritik, mit wahnhaft, personifizierenden Vorstellung über die komplexen, gesellschaftlichen Zusammenhänge, die Schuld an Fehlentwicklungen in  Politik, Ökonomie und Kultur gegeben. Im Rassismus hingegen werden Menschen aufgrund ihrer Herkunft, kulturellen Zuschreibung, sowie ihres Aussehens als bedrohlich wahrgenommen, abgewertet und verfolgt.Diese aus projektiven Feindbildungsprozessen resultierenden Ansichten realisieren sich nicht nur in strukturellen Ausschlüssen, sondern schlagen auch um in physische Gewalt, unter anderem in der europäischen Abschottungspolitik, in Brandanschläge auf Geflüchtetenunterkünfte, in Übergriffen auf Jüdinnen_Juden, sexuelle Gewalt gegen Frauen*, sowie terroristischen Anschlägen auf „Ungläubige“.

Dabei ist auch eine radikale Linke nicht frei von antiemanzipatorischen Zuständen. So bleibt eine linksradikale Organisierung in weiten Teilen von Männern dominiert, Rollenbilder werden oftmals aufrechterhalten, auf Demonstrationen herrscht zumeist männliche Performance und in Plenastrukturen dominiert männliches Expertentum. Außerdem gelten antisemitische Bewegungen wie BDS für Teile der radikalen Linken noch immer als potentielle Bündnispartner. Weiterhin ist ein Wiederaufleben von traditionellen Marx-Lesarten in autonomer Organisierung, die in die  Herrschaftsaffirmation des Realsozialismus führten und münden, zu beobachten. Diese Ausformungen stehen auch innerhalb der Linken einer gesellschaftlichen Emanzipation entgegen.

All diesen Zuständen und Verhältnissen wollen wir mit einer materialistischen und antifaschistischen Kritik, sowie einer subversiven Theorie und Praxis gegenübertreten. Unter Subversion verstehen wir hierbei sowohl die Kritik der bestehenden Verhältnisse als Ganzes als auch die Möglichkeit, vorhandenes Leid innerhalb dieser Ordnung zu verringern – in der revolutionären Tätigkeit in nicht-revolutionären Zeiten.

 

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